
Reinhard Lakomy: Vom Schlager zum Elektronik-Pionier der DDR
Reinhard Lakomy bleibt unvergessen – nicht nur als Schöpfer des Kult-Kinderhörspiels Der Traumzauberbaum, sondern auch als einer der ersten Musiker in der DDR, der sich mutig in die Welt der Synthesizer und elektronischen Klänge wagte. Während viele ihn vor allem mit sanften Melodien und märchenhaften Geschichten verbinden, war sein musikalisches Schaffen weitaus vielfältiger. Zum 80. Geburtstag des 2013 verstorbenen Künstlers erscheint nun ein neues Album mit bisher unveröffentlichten Aufnahmen eines Elektro-Konzerts aus dem Palast der Republik. Zeit, Lakomys Weg vom Schlager- und Jazzpianisten zum Elektronik-Pionier nachzuzeichnen – und zu fragen, warum sein experimentelles Werk bis heute unterschätzt wird.
Key Facts: Reinhard Lakomy in Zahlen und Fakten
- Jazz-Wunderkind: Mit 16 spielte Lakomy für Louis Armstrong in Magdeburg – eine Begegnung, die ihn prägte.
- Genresprünge: Von Schlager (z. B. für Uschi Brüning) über Filmmusik (Das Sandmännchen) bis zu elektronischer Avantgarde.
- Traumzauberbaum: Über 1,5 Millionen verkaufte Tonträger, ein Meilenstein der DDR-Kindermusik.
- Technik-Freak: Forschungsauftrag an der TH Ilmenau, Zusammenarbeit mit Tangerine Dream.
- Posthume Veröffentlichung: Das Album Palastkonzert (1985) erscheint 2026 – mit einem Synthesizer, der einst Mick Jagger gehörte.
Vom Jazz zum Schlager: Die frühen Jahre
Reinhard Lakomys musikalische Reise begann in Magdeburg, wo er als Teenager in der lokalen Jazzszene auf sich aufmerksam machte. Sein Talent war so offensichtlich, dass er bereits mit 16 Jahren für eine Musiklegende spielen durfte: Louis Armstrong. „Wir haben drei Stunden auf ihn gewartet – und als er endlich kam, spielten wir I Can Give You Anything but Love„, erinnerte sich Lakomy später. Diese Begegnung prägte ihn nachhaltig und festigte seinen Ruf als herausragender Pianist.
Nach dem Abitur studierte er an der Dresdner Musikhochschule und arbeitete mit Größen wie Günther Fischer und Klaus Lenz zusammen. Doch Lakomy blieb nicht beim Jazz – er komponierte Schlager für Stars wie Uschi Brüning und schrieb Filmmusik, etwa für die beliebte DDR-Kindersendung Das Sandmännchen. Sein Stil war stets eklektisch, aber immer mit einem Hang zum Experimentellen. Schon früh zeigte sich, dass er sich nicht in ein Genre pressen lassen wollte.
Der Traumzauberbaum: Ein Phänomen der DDR-Kindermusik
Mit Der Traumzauberbaum schuf Lakomy 1980 ein Werk, das bis heute Generationen von Kindern und Erwachsenen begeistert. Die Geschichtenlieder, geschrieben gemeinsam mit seiner Frau Monika Ehrhardt-Lakomy, verbinden märchenhafte Erzählungen mit eingängigen Melodien und einer Prise DDR-Alltagsrealität. „Kunst für Kinder war für ihn eine Herzensangelegenheit“, sagt Ehrhardt-Lakomy. „Er hat alles reingelegt, was er konnte – musikalisch und textlich.“
Doch so sehr der Traumzauberbaum Lakomy berühmt machte, so sehr fürchtete er auch, auf dieses Werk reduziert zu werden. Tatsächlich war es nur ein Teil seines Schaffens. Während die meisten DDR-Musiker in den 1980ern noch mit Gitarren und Schlagzeug arbeiteten, wandte sich Lakomy bereits den Möglichkeiten der Elektronik zu – ein Schritt, der ihn zum Pionier machte.
Elektronik-Pionier: Lakomys mutige Experimente
In einer Zeit, in der elektronische Musik in der DDR noch als suspekt galt, setzte Lakomy auf Synthesizer und analoge Klangerzeugung. „Er war ein unglaublicher Freak auf dem Gebiet“, erinnert sich seine Frau. „Die Technik war damals noch analog, und man musste wirklich wissen, was man tut.“ Lakomy arbeitete eng mit Wissenschaftlern zusammen, erhielt sogar einen Forschungsauftrag an der Technischen Hochschule Ilmenau und tauschte sich mit West-Künstlern wie Tangerine Dream aus – eine Seltenheit in der abgeschotteten DDR.
Sein 1985 im Palast der Republik aufgeführtes Elektro-Konzert war ein Meilenstein. Die nun posthum veröffentlichte Aufnahme Palastkonzert zeigt, wie weit Lakomy seiner Zeit voraus war. Besonders kurios: Einer der verwendeten Synthesizer gehörte einst Mick Jagger. „Diese Aufnahmen lagen jahrelang im Rundfunkarchiv“, erzählt Ehrhardt-Lakomy. „Es hat drei Jahre gedauert, bis ich die Rechte klären konnte.“
Warum Lakomys Elektronik-Werk bis heute unterschätzt wird
Trotz seiner Pionierarbeit wird Lakomys elektronisches Schaffen oft übersehen. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Der Schatten des Traumzauberbaums: Die Kindermusik war so erfolgreich, dass sie andere Werke überstrahlte.
- Politische Vorbehalte: Elektronische Musik galt in der DDR als „westlich“ und wurde misstrauisch beäugt.
- Technische Hürden: Synthesizer waren teuer und schwer zu beschaffen – Lakomy musste improvisieren.
- Fehlende Anerkennung: Viele seiner Elektro-Stücke wurden nie offiziell veröffentlicht.
Dabei war Lakomy nicht der einzige DDR-Musiker, der mit Elektronik experimentierte. Bands wie Karat oder Stern-Combo Meißen nutzten ebenfalls Synthesizer, aber niemand ging so konsequent in diese Richtung wie er. Sein Werk steht damit in einer Reihe mit internationalen Pionieren wie Kraftwerk oder Jean-Michel Jarre – nur mit dem Unterschied, dass es kaum jemand kennt.
Fazit: Ein Musiker zwischen den Welten
Reinhard Lakomy war ein Grenzgänger – zwischen Genres, zwischen Ost und West, zwischen analoger Tradition und digitaler Zukunft. Sein Traumzauberbaum bleibt ein unsterblicher Klassiker, doch sein elektronisches Werk verdient endlich die Aufmerksamkeit, die es verdient. Die Veröffentlichung des Palastkonzerts ist ein wichtiger Schritt, um sein vielseitiges Schaffen zu würdigen.
Lakomys Geschichte zeigt auch, wie sehr die DDR-Musikszene von Einzelkämpfern geprägt war, die gegen politische und technische Widerstände ankämpften. Während heute jeder mit einem Laptop elektronische Musik produzieren kann, musste Lakomy noch mit analogen Geräten und bürokratischen Hürden kämpfen. Umso beeindruckender ist es, was er damit geschaffen hat.
Wer mehr über die Musikszene der DDR erfahren möchte, sollte sich auch die Geschichte von Puhdys ansehen – oder wie Ost-Rock heute gesammelt wird. Beide Artikel zeigen, wie vielfältig die Musiklandschaft jenseits des Eisernen Vorhangs war – und wie viel es noch zu entdecken gibt.
Reinhard Lakomy hat mit seiner Musik Grenzen gesprengt. Es ist an der Zeit, dass sein Werk die Anerkennung erhält, die es verdient – nicht nur als Kinderliedermacher, sondern als einer der ersten Elektronik-Pioniere der DDR.
FAQ
Was machte Reinhard Lakomy so besonders?
Lakomy war ein musikalischer Allrounder: Er begann als Jazzpianist, komponierte Schlager, Filmmusik und Kindermusik, und wagte sich als einer der ersten DDR-Musiker in die elektronische Musik. Sein Traumzauberbaum ist bis heute ein Kultwerk, doch sein experimentelles Schaffen bleibt oft unterschätzt.
Warum gilt Lakomy als Elektronik-Pionier?
In den 1980ern setzte er als einer der ersten DDR-Musiker Synthesizer ein – zu einer Zeit, als elektronische Musik im Osten noch misstrauisch beäugt wurde. Er arbeitete mit analoger Technik, forschte an der TH Ilmenau und tauschte sich sogar mit West-Künstlern wie Tangerine Dream aus.
Was ist das neue Album Palastkonzert?
Es handelt sich um eine posthum veröffentlichte Aufnahme eines Elektro-Konzerts, das Lakomy 1985 im Palast der Republik gab. Besonders ist, dass einer der verwendeten Synthesizer einst Mick Jagger gehörte. Die Platte erscheint 2026 zum 80. Geburtstag des Künstlers.
Warum kennt man Lakomy vor allem für den Traumzauberbaum?
Der Traumzauberbaum war ein riesiger Erfolg mit über 1,5 Millionen verkauften Tonträgern. Sein experimentelles Werk – etwa die elektronische Musik – wurde dagegen kaum veröffentlicht und blieb daher weitgehend unbekannt.
Wie prägte die DDR Lakomys Musik?
Die politischen und technischen Hürden der DDR zwangen ihn zum Improvisieren. Synthesizer waren schwer zu beschaffen, und elektronische Musik galt als „westlich“. Dennoch fand er Wege, seine Visionen umzusetzen – etwa durch Kontakte zu Wissenschaftlern oder West-Künstlern.



